Großes Hoffest bei schweißtreibenden Temperaturen – Einblick in den tiefgreifenden Wandel der regionalen Landwirtschaft von Pferdestärken zu High-Tech-Maschinen.

(Rottdorf) Es war ein Jubiläum der ganz besonderen Art, das am Wochenende in Rottdorf im Weimarer Land gefeiert wurde. Die Agrarprodukte e.G. Rottdorf hatte zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu einem großen Hoffest geladen. Der Anlass war historisch: Seit nunmehr 35 Jahren besteht der Betrieb in seiner heutigen genossenschaftlichen Form, die nach der politischen Wende im Jahr 1991 aus der ehemaligen LPG hervorging. Passend zum 35-jährigen Jubiläum knackte das Thermometer auch die 35-Grad-Marke deutlich – ein schweißtreibender, aber rundum gelungener Festtag.

Ein Blick zurück: 70 Jahre sozialistische und moderne Landwirtschaft

Das Jubiläum der Genossenschaft ist jedoch nur die halbe Geschichte. Insgesamt blickt man in der Region auf über 70 Jahre organisierte Landwirtschaft zurück. Alles begann im Jahr 1954 mit der Gründung der MAS (Maschinen-Ausleih-Station) im benachbarten Egendorf, um kleinere Bauern zu entlasten. 1958 folgte die Gründung der ersten LPG in Rottdorf sowie in Alt- und Neudörnfeld, Blankenhain, Schwarza und Egendorf.

In den 1976er Jahren erreichte die Tierproduktion beeindruckende Ausmaße: „Wir hatten hier zeitweise 600 Milchkühe, 500 Schweine, 1.000 Schafe und bis zu 20.000 Legehennen“, erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer Dietmar Pfeiffer im Gespräch am Rande des Festes. Hinzu kamen Großbauten wie das Trockenwerk (1965), die Milchviehanlage (1969) und eine riesige Kartoffellagerhalle im Trockenwerk (1972) für den Anbau auf 180 Hektar.

Mit der Wende 1991 kam der radikale Umbruch. Die LPG P, eine auf Pflanzenproduktion spezialisierte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, wurde aufgeteilt, das Volkseigene Gut (VEG) aufgelöst und die Agrarprodukte e.G. Rottdorf gegründet. „Die Reprivatisierung und Vermögensaufteilung war ein juristischer und emotionaler Kraftakt. Wir haben wochenlang bis nachts um eins zusammengesessen und diskutiert“, berichtet Dietmar Pfeiffer. Anteile mussten umgewandelt und ausscheidende Mitglieder ausgezahlt werden. Während damals noch 180 Menschen in der regionalen Landwirtschaft beschäftigt waren, wurde der Betrieb in den Folgejahren konsequent an die Gesetze der Marktwirtschaft angepasst.

Radikale Schrumpfung hin zum modernen Marktplatz

Der Anpassungsprozess bedeutete vor allem den schrittweisen Abschied von der traditionellen Vielfalt und den großen Tierbeständen:

Schließung: Bullenmast und Schweinestall in Egendorf wurden aufgegeben.

Verkauf: Die Gärtnerei in Blankenhain wurde geschlossen und das Grundstück an REWE verkauft, heute steht hier der Netto-Markt.

Struktureller Wandel: Es folgten die sukzessive Aufgabe der Schafhaltung (2003), der Hühnerhaltung (2010) und schließlich – nach dem Bau eines neuen Melkstandes und jahrelangem Ringen – im Jahr 2021 die komplette Einstellung der Milchviehhaltung, da sie sich wirtschaftlich schlicht nicht mehr lohnte.

Heute konzentriert sich die Agrarprodukte e.G. Rottdorf primär auf die Rinderhaltung (Mutterkühe) sowie den modernen Ackerbau. Gearbeitet wird mit hocheffizienten, modernen Großmaschinen. Wo früher Dutzende Arbeitskräfte und Pferdegespanne nötig waren, bewirtschaften heute gerade einmal acht verbliebene Beschäftigte die riesigen Flächen der Region.

Das Hoffest: Gemeinschaft trotz Hitze

Dass die Genossenschaft trotz aller Krisen der letzten Jahrzehnte stabil dasteht, sollte nun gebührend gefeiert werden. Die Organisatoren ließen sich auch von den extremen Temperaturen nicht aus der Ruhe bringen. Kurzfristig wurde das Angebot von 200 auf 400 Portionen Eis aufgestockt, Schattenplätze unter Schleppdächern und Zelten geschaffen sowie Planschbecken und Regensprenger für die Kinder aufgebaut.

Das Fest lebte von der starken regionalen Zusammenarbeit: Für die Verpflegung sorgten der Dorfverein Rottdorf, der „Landverein am Stausee e.V.“ aus Obersynderstedt sowie der Biohof Bärwolf. Auch ThüringenForst war mit einem Infomobil vor Ort, während die Firma Holz-Hoffmann moderne Forsttechnik präsentierte.

Für die musikalische Umrahmung sorgte ab dem frühen Nachmittag die „Engerdaer Blasmusikanten“. Am Ende des Tages zog der Vorstand ein rundum positives Fazit: Das Fest war nicht nur ein gelungener Geburtstag, sondern auch ein wichtiges Signal für den Zusammenhalt im ländlichen Raum.